Juni 25

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Jacqueline Flory | Zeltschule e.V. | 2 Kinder

An gesunde Entwicklung innerhalb der eigenen Komfortzone glaube ich nicht.

 

Wer bist du, was machst du und warum?

Ich bin Jacqueline, höre inzwischen aber auch auf „diese Zeltschule-Frau“ oder „Madame Madrassa“. Ich liebe fremde Länder und fremde Sprachen, deshalb lag die Berufswahl Übersetzerin nahe. Mittlerweile bin ich immer noch oft in anderen Ländern und spreche sehr oft eine andere Sprache, aber meine klassische Übersetzertätigkeit ruht momentan ein wenig. Vor 4 Jahren habe ich den gemeinnützigen Verein „Zeltschule e.V.“ gegründet, der syrische Flüchtlingslager im Libanon betreut, die Menschen mit Lebensmitteln versorgt und – vor allem – Schulen baut, damit nicht eine ganze Generation Syrer im Analphabetismus aufwächst.

MomPreneurs Jacqueline Flory Zeltschule Schueler

Was 2016, beim Bau unserer ersten Schule, in einem kleinen Lager mit nur 55 Familien begann, ist im Laufe der Jahre immer größer geworden. Mittlerweile betreuen wir 21 Flüchtlingscamps, unterrichten über 6.000 Kinder und 22.000 Menschen insgesamt sind von unseren Lebensmittellieferungen abhängig. Mit meinen beiden Kindern (heute 9 und 11 Jahre alt) bin ich in allen Schulferien in den Camps an der syrischen Grenze, mittlerweile haben sich schon enge Freundschaften zwischen den Geflüchteten dort und uns entwickelt.

Jacqueline Flory und syrische Schueler

Warum ich das tue, was ich tue, wurde ich schon so oft gefragt, dass man meinen sollte, ich hätte mittlerweile eine adäquate Antwort darauf, aber das habe ich leider immer noch nicht. Ich wollte es gerne tun. Ich wusste, dass ich es kann. Und ich wusste, dass es niemand sonst tut. Und falls das als Motivation noch nicht reicht: Ich bin eine leidenschaftliche Verfechterin von Grenzerfahrungen. An gesunde Entwicklung innerhalb der eigenen Komfortzone glaube ich nicht.

MomPreneurs Jacqueline Flory Fluechtlingscamp

Wie wir alle täglich feststellen, wird es aber in unserer globalisierten, digitalisierten Welt immer schwieriger, an echte Grenzen zu stoßen, seinen eigenen Wilden Westen zu finden und zu erobern, sich zu erlauben, Pionier zu sein. Der Wilde Westen ist für mich der Wilde (Nahe) Osten, der schier unerschöpfliche Möglichkeiten bietet, sich zu reiben, auf die Barrikaden zu gehen, Drachen zu töten, Wände einzureißen … oder Schulen zu bauen.

In einem Satz: Was ist deine CRAZY Mission, das Wichtigste, was du für dich & andere bewirken möchtest?

Ich möchte gerne in unserer Mimimi-Jammerkultur ein Bewusstsein dafür schaffen, was für ein Glück wir haben, in unseren Längen- und Breitengraden geboren worden zu sein – und dass dieses Glück mit einer gewissen Verantwortung gegenüber denjenigen, die es nicht hatten, verbunden ist. Wir wissen viel zu wenig über Armut, über Kriege, über Kinderarbeit, über Massenvergewaltigungen, Folter, politischen Mord…

MomPreneurs Portrait Jacqueline Flory syrische Fluechtlingskinder

Wir wollen von all diesen Dingen nur bedingt etwas wissen, haben Angst um unseren emotionalen Sicherheitsabstand. Frauenzeitschriften raten uns doch schließlich immer wieder, uns nur mit Menschen und Dingen zu umgeben, die uns ein gutes Gefühl geben, oder? Ich bin aber der Ansicht, es ist für die eigene Entwicklung und für die Weltverbesserung (die wir ja alle anstreben), unfassbar wichtig, sich regelmäßig sehr intensiv mit Dingen zu beschäftigen, die uns KEIN gutes Gefühl geben; ja, mehr noch mit Dingen, bei denen es uns endlich mal ganz egal ist, was wir dabei fühlen, weil es ausnahmsweise mal nicht um uns geht.

MomPreneurs Portrait Jacqueline Flory Fluechtlingskinder beim Essen

Ich möchte daher gerne so viele Frauen wie möglich für die Zeltschule begeistern, denn sie ist nicht nur das wirkungsvollste Achtsamkeitstraining, das ich kenne, man hat mit ihr wirklich die Chance, das Leben tausender syrischer Frauen und Kinder nachhaltig und effektiv zu verbessern.

Was läuft bei dir als Mutter und Unternehmerin anders und warum ist das CRAZY?

Anders ist vermutlich schon einmal, dass wenn man mich bäte, mich in wenigen Worten selbst zu beschreiben, darin weder das Wort „Mutter“ noch das Wort „Unternehmerin“ vorkäme. Ersteres liebe ich, aber es definiert mich nicht. Gegen Letzteres wehre ich mich hartnäckig immer wieder bei Leuten, die mir Ratschläge geben, die mit den Worten „Also bei jedem Start-up würde jetzt …“ beginnen – wir sind nämlich kein Start-up, sondern ein Verein, dessen wichtigstes Ziel es ist, den Menschen in den Flüchtlingslagern zu helfen.

MomPreneurs Jacqueline Flory in der Zeltschule

Mein Mann starb, als meine Kinder 3 und 5 Jahre alt waren, und seitdem sind wir keine klassische Familie mehr (wenn wir das denn je waren), sondern eine sehr innige Wohngemeinschaft. Wir sind gegenseitig unsere engsten Freunde und deswegen machen wir natürlich auch das Projekt „Zeltschule“ zusammen. In den letzten Jahren hat es in unserem Familienalltag und in unserem Leben einen immer größeren Stellenwert eingenommen.

MomPreneurs Jacqueline Flory und ihre Kinder am Flughafen auf dem Weg zur Zeltschule

Das Überleben der Menschen in den Camps zu sichern, ist meinen Kindern ebenso wichtig wie mir. Im Alltag muss sich da manches unterordnen. Unsere Ferien verbringen wir in den Flüchtlingslagern und nicht selten auch mal eine Woche Schulzeit (für die meine Kinder hier beurlaubt werden und ihre Aufgaben dann in den Zeltschulen machen). Bei 22.000 Menschen gibt es täglich Probleme oder Notfälle – und damit verbundene Anrufe bei mir. Mittlerweile sind meine Kinder es, die mich, wann immer wir das Haus verlassen, erinnern: „Mama, hast du dein Handy auch ganz sicher eingesteckt?“

Wie sieht Erfolg für dich persönlich aus und was ist dein Weg dorthin?

Erfolg misst sich für uns ganz klar und ausschließlich an den Zahlen der Menschen, denen wir helfen können. Das bringt leider auch mit sich, dass wir nie „genug“ Erfolg haben werden.

MomPreneurs Jacqueline Flory Zeltschule Kinder sagen Danke

Wie ist dein Setup und wie schaffst du es, den alltäglichen MomPreneurs-Wahnsinn irgendwie zu meistern?

Meine Kinder und ich sind ein eingespieltes Team, das ist ein wichtiger Faktor. Dass ich sehr wenig schlafe, schadet auch nicht. Ich kann überall arbeiten, auf Spielplätzen, neben einem lauten Film im Fernsehen, in einem überfüllten Zug oder wenn meine Kinder Besuch haben. Ich mache mir Listen über Listen, um nichts zu vergessen, und kann damit ziemlich strukturiert arbeiten. Kurz gesagt: Ich brauche Gott sei Dank kein Setup, sondern kann mich flexibel an das anpassen, was bei uns an den jeweiligen Tagen so los ist.

MomPreneurs Jacqueline Flory in der Zeltschule

Welche Top 3 Tipps & Tools bringen dir wirklich CRAZY Ergebnisse im Business oder erleichtern dir deinen CRAZY MomPreneurs-Alltag am meisten?

1. Mut: Ich kann jeder Frau nur raten, sich Veränderung zuzutrauen. Wir sind viel weniger von äußeren Gegebenheiten abhängig, als wir glauben, viel mehr liegt in unserer Macht, wenn wir darauf bestehen, diese Möglichkeiten auch wahrzunehmen.

2. Great Expectations: Ich habe das Gefühl, Frauen werden immer öfter von der Gesellschaft sediert, indem man ihnen einredet, dass sie als Frauen und Mütter ja ohnehin schon „Heldinnen“ sind, und sich daher getrost mit Yoga, Waldspaziergängen, einem Glas Wein und einem guten Buch beschäftigen können. „Auszeiten nehmen!“ schreit einem jede Frauenzeitschrift entgegen. Ich rate zum Gegenteil. Frauen waren Jahrhunderte draußen, was wir brauchen, ist eine Inzeit. Ich wünsche mir, dass Frauen viel mehr von sich erwarten, viel höhere Ansprüche an sich selbst stellen und härter dafür arbeiten.

3. Schreiben: Schreiben war meine erste Liebe und hatte für mich schon immer eine therapeutische Wirkung. Ich habe zwei Romane veröffentlicht, bevor ich meinen dritten beenden konnte, ist mir die Gründung der Zeltschule dazwischengekommen. Aber auch auf diesem neuen Gebiet schreibe ich viel. Man reflektiert anders, wenn man schreibt, deswegen kann ich das nur jedem raten.

Wie können wir in unserer Gesellschaft mehr CRAZY MomPreneurship ermöglichen – welche Rahmenbedingungen braucht es dafür?

Ich habe mal einen Zeltschule-Vortrag in einer Kirche im Anschluss an einen Gottesdienst gehalten. In der Predigt erklärte der Pfarrer, eine Kirche definiere ihren Wert darüber, wie viele Asoziale sie besuchten. Um das Wort genauer zu erläutern, zählte er auf: „Drogensüchtige, Kriminelle, Witwen, Alleinerziehende …“ Noch schockierender als die Predigt war, dass sich von den anderen 300 Menschen in der Kirche niemand darüber zu empören schien. Die Rahmenbedingungen sind daher für mich ganz klar: Unsere Gesellschaft muss noch sehr viel mehr Vorurteile über Frauen generell und über Alleinerziehende im Speziellen ablegen als bisher.

MomPreneurs Jacqueline Flory in der Zeltschule


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  1. Eine bewundernswerte und inspirierende Frau! Toll, dass Ihr hier auch solche Mompreneurs vorstellt. Danke! Der Verein Zeltschule e.V. macht wunderbare Arbeit und Jacqueline Flory ist die Seele, das Herz und der Verstand dieser Initiative. Und ein weiteres Beispiel dafür, was wir Frauen alles schaffen. Chapeau Frau Flory!

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