Expat-MomPreneur in Madrid – Herausforderungen und Learnings

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Dies ist ein Gastbeitrag von Anja Schneider

Als die zwei Umzugswagen vor 3,5 Jahren hier in Madrid, nach über 2000 gefahrenen Kilometern und mit 2 Tagen Verspätung mit all unserem Hab und Gut ankamen, ging es los unser Abenteuer Spanien. Aber am besten, wir starten ganz vorne …

#1 Entscheidung treffen

Es war Ende 2016 als mein Mann mit dem Angebot nach Hause kam, beruflich für einige Jahre nach Madrid zu gehen. Zunächst hatten wir es verworfen, denn wir waren glücklich in unserem Leben. Beruflich lief es ganz gut, wir hatten den weltbesten Kindergarten für unseren damals 2-jährigen Sohn und gerade erst vor einigen Jahren ein Haus gekauft und umgebaut. Wir fühlten uns einfach wohl. Aber nun war er da der Gedanke und er ging auch nicht mehr weg. Ich erinnerte mich daran, dass es immer ein großer Wunsch von mir war, einmal im Ausland zu leben. Einmal fernab der Gewohnheiten, fernab von allem Vertrauten, fernab der Heimat.

Die Komfortzone verlassen, Neues erfahren, Herausforderungen meistern, sich entwickeln. Oh, wie hatte ich Lust darauf, doch auf der anderen Seite war die Angst. Was ist, wenn es uns nicht gefällt?

Wir überlegten hin und her und am Ende stellten wir uns folgende Frage:

Was kann schlimmstenfalls passieren?

Mit der Antwort konnten wir leben. Sie war kein Grund, dass Abenteuer nicht einzugehen. Aber es fühlte sich gut an, sie gestellt zu haben.

Demgegenüber stand die Frage: Was kann bestenfalls passieren?

Die Antworten darauf überzeugten uns. Am Ende haben wir unser Glück auch zu einem großen Stück selbst in der Hand! Es war entschieden. Ich kündigte meinen damaligen Job als Referentin im Personalbereich, wir verkauften unser Haus und sagten unseren Freunden „Auf Wiedersehen“. Im September 2017 stiegen wir mit unserem Sohn dann in den Flieger mit großer Freude und Aufregung im Bauch.

Meine Learnings:

  • Gute Fragen stellen & sich in die Situation reinfühlen: Entscheidungen haben verschiedene Optionen. Logisch. Es ist wichtig, diese Optionen aber nicht nur zu durchdenken, sondern auch gefühlsmäßig reinzugehen und mal zu schauen, wie sich das eigene Leben ändert, wenn man sich für die eine oder andere Möglichkeit entscheidet. Wie sieht das Leben dann ganz konkret aus? Zudem helfen immer auch die oben genannten Fragen:
      • Was kann schlimmstenfalls passieren? Stellen wir uns diese Frage, sind wir auf den Worst Case vorbereitet und können direkt eine Idee entwickeln, was wir dann machen wollen. Ich finde dieses Gefühl, „alles“ durchdacht zu haben, unheimlich wichtig.
      • Was kann bestenfalls passieren?

Rückblickend war es die beste Entscheidung unseres Lebens diesen Schritt zu gehen, auch wenn es logischerweise nicht immer leicht war!

#2 Bürokratie & Behördengänge

Meine erste Erfahrung bei einem spanischen Amt war erschütternd. Die Bürokratie ist sehr willkürlich und ohne Spanischkenntnisse nahezu unmöglich zu bewältigen. Für die Erledigung einer Sache braucht es häufig zwei oder drei Termine. Beim ersten klappt es selten. Das wusste ich anfangs nicht und es kostete mich viele Nerven.

Meine Learnings:

  • Positiv bleiben & Sprachbarriere begegnen: Geduldig sein, Zeit einplanen, sich gut vorbereiten, freundlich bleiben und Spanisch sprechen oder jemanden dabeihaben, der Spanisch spricht, denn meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass man mit Englisch nicht weiterkommt.

 

#3 Sprache lernen & Familie

Das komplette erste Jahr verbrachte ich damit, die Sprache zu lernen mit Sprachkursen, vielen Stunden Heimarbeit und einem Sprachtandem. Ich wollte schnell vorankommen und unbedingt am Leben hier teilhaben und die Kultur kennenlernen. Und unser Sohn stand natürlich im Fokus, der sich trotz seiner nun schon 3 Jahre und seines sehr aufgeschlossenen Wesens extrem schwertat mit unserem neuen Leben. An einem Tag sagte er zu mir: „Ich hasse das Essen, ich hasse die Sonne, ich hasse die Menschen und ich hasse die Sprache“. Ich war geschockt, aber das war der Knackpunkt. Unser kleiner Sohn, der sich schon früh gut ausdrücken konnte, dem Sprache so wichtig war und immer noch ist, fand es auf einmal superschwer. Natürlich war es das! Viele sagten vorher zu uns, für die Kinder ist so ein Umzug am leichtesten. Die gewöhnen sich schnell ein. Ich habe darauf vertraut, dass es genauso wird. Aber dem war nicht so. Also nahm ich mir viel Zeit im ersten Jahr und es wurde besser.

Meine Learnings:

  • Fokus setzen und Zeit einplanen: Ich hatte so viel vor im ersten Jahr, wollte gerne schon Spanisch in Perfektion sprechen, mich um meinen Job kümmern, das Land sehen usw. Dieser Aktionismus überforderte mich schnell. Es brauchte alles so viel mehr Zeit, alleine die Sprache zu lernen und das Leben zu meistern. Jeder Supermarktbesuch dauerte anfangs ewig, da ich die Produkte nicht kannte. Frust ist dann schnell vorprogrammiert.
  • Kinder im Blick behalten: Je nach Kind und Persönlichkeit brauchen auch die Kids unterschiedlich lange, um anzukommen. Diese anfänglich intensive Betreuungszeit hatte ich nicht in dem Umfang eingeplant.
  • Schnell ein Netzwerk aufbauen: Im Normalfall fehlt es zu Beginn an Unterstützung und sozialen Kontakten. Einen Babysitter zu finden, Menschen, mit denen man sich mal austauschen kann oder die einem auch mal unter die Arme greifen können, kann dauern. Dadurch kann es einem auch an Stabilität im neuen flexiblen Leben fehlen. Sich darauf einzustellen und schnell ein Netzwerk aufzubauen, ist daher sehr hilfreich.

 

#4 Weg in die Selbstständigkeit & die ersten Hürden

Nach einem Jahr lief alles. Und dann wurde der Wunsch immer größer, wieder zu arbeiten. Ich liebe es zu arbeiten. Ohne geht es nicht. Aber ich hatte den Arbeitsmarkt schon lange beobachtet und wusste, wie schwierig es sein würde, einen Job zu finden, der zu mir und meinem Leben passte. Die Arbeitslosigkeit in Spanien ist hoch. Dazu kamen Fragen nach:

  • Teilzeit? Gibt es hier so gut wie nicht.
  • Vollzeit? Ging nicht aufgrund unseres Sohnes.
  • Gehalt? Verwöhnt von Deutschland, rechtfertigt der Verdienst den Aufwand nicht.
  • Sprache? Konnte ich noch lange nicht verhandlungssicher.
  • Mein Fachbereich? Kaum Stellen!

Das Arbeiten mit Spaniern ist zudem häufig ganz anders, wusste ich aus Erzählungen von Freunden und Bekannten. So würde es nichts werden! Und so wollte ich es nicht.

„Ich wollte selbstbestimmt arbeiten.“

Es war am Ende so naheliegend. Ich bin Betriebswirtin mit Schwerpunkt im Personalmanagement, hatte Berufserfahrung als Personalentwicklerin, eine Weiterbildung zum Systemischen Business Coach und Know-how im Stressmanagement. Also machte ich mich selbstständig. Ich plante und überlegte, entwarf meine erste Webseite, gestaltete Flyer und Visitenkarten zusammen mit einem befreundeten spanischsprachigen Grafikdesigner, sammelte Infos zur Freiberuflichkeit in Spanien, suchte Werbemöglichkeiten und verbrachte viel Zeit mit Networking. Ich wollte Menschen, die in ihrem Job unglücklich sind, bei ihrer beruflichen Um- und Neuorientierung unterstützen. Zudem bot ich Orientierungscoaching für Schulabsolventen an. Das alles deutschsprachig in Madrid.

„Ich war mir so sicher, dass das gut ankommen würde.“

Immerhin leben hier viele Deutsche und es gibt eine große deutsche Schule, von der ich mir viel versprach. Leider hatte ich diese Rechnung ohne die spanische Kultur gemacht. Ohne die Tatsache, dass Coaching hier, anders als in Deutschland, bekannt ist. Ohne den Fakt, dass spanische Eltern zum Großteil das Leben ihrer Kinder bereits vorgeplant haben. Der einzige Weg ist das Studium, ggf. ist sogar die Studienrichtung schon festgelegt. Eine Ausbildung ist nicht gut angesehen und kommt nicht infrage. Die Eltern investieren viel in die Bildung ihrer Kinder an internationalen Schulen, denn sie wollen und hoffen, dass diese so eine Zukunft haben. Eine Zukunft auch außerhalb Spaniens, denn die Jugendarbeitslosigkeit ist hoch und viele sitzen auch mit mehreren Abschlüssen arbeitslos auf der Straße. Das hatte ich nicht bedacht. Ich mit meiner Botschaft: Lasst eure Kinder selbst entscheiden. Ich mit der Überzeugung, dass nur Tätigkeiten im Einklang mit den eigenen Interessen, Werten und Motiven langfristig glücklich machen. Ein herber Rückschlag!

Auch wusste ich nicht, dass ich hier zunächst Aufklärungsarbeit hinsichtlich Coaching leisten müsste, da wo doch in Deutschland der Coaching-Markt boomte und diese Dienstleistung seit vielen Jahren mehr oder weniger zum Alltag gehört.

Meine Learnings:

  • Kultur beachten: Die Sprache ist im Ausland logischerweise eine riesige Hürde und man sollte sie schnellstmöglich lernen, die Kultur ist aber mindestens eine genauso große. Diese gilt es genau zu studieren, wenn man vorhat, sich im Ausland selbstständig zu machen, um zum einen Missverständnisse und Irritationen zu vermeiden und zum anderen zu schauen, ob das eigene Angebot überhaupt kulturell nachgefragt ist.
 
  • Frühzeitig Informationen sammeln: Generell gilt es sich umfassend zu informieren, denn fehlende Detailinformationen zu den unterschiedlichen Gegebenheiten können den Start extrem erschweren und bieten Hürden und Gefahren! Gibt es andere Gesetze und Richtlinien? Woran muss ich mich halten? Darf ich das, was ich mache, überhaupt so anbieten? Wo muss ich mich anmelden? Welche Versicherungen brauche ich im Land und was ist nicht mit abgedeckt? Welche Zeit erfordert das Ganze? Usw.
 
  • Wert des Angebotes herausfinden: Eine wesentliche Frage ist: Was ist die eigene Dienstleistung oder das eigene Angebot im Ausland wert? Die Frage war für mich eine ganz wichtige, denn der Wert muss natürlich erkannt werden. Wenn die Menschen nicht wissen, wozu sie das Angebot brauchen, werden sie dafür kein Geld ausgeben. Nicht einmal ein bisschen! D. h. hier stellt sich die Frage: Wie stelle ich mich auf und biete ich was an, was überhaupt jemand braucht? Bezogen auf mein Coaching-Business stand ich also vor der Herausforderung, dass der Wert erst mal erkannt werden musste.
 
  • Soziale und ökonomische Faktoren betrachten: Der Wert des Angebotes hat auch mit folgender Frage zu tun: Welche Preise kann ich für meine Dienstleistung nehmen? Die Frage hat sich sicher jeder schon mindestens einmal gestellt und dann heißt es immer, verkauf dich nicht unter Wert. Richtig! Nur gemessen an Deutschland ist dieser Wert im Ausland ein anderer. Die Kaufkraft der Deutschen ist höher als die Kaufkraft der Spanier. Und wenn sie Geld ausgeben, wofür? Auch hier gibt es schlichtweg viele kulturelle Unterschiede.
 
  • Zeitpuffer für Grundlegendes einplanen: Auch die Zusammenarbeit mit ortsansässigen Dienstleistern und Gewerben kann unzuverlässig und langsam verlaufen. Auch hier braucht es oft mehrere Anläufe. Anekdote dazu: Der Techniker für unseren Telefonanschluss war nach über 1 Woche endlich da. Weil ihm ein Teil fehlte, verabschiedete er sich mit den Worten „Ich bin gleich wieder da.“ Allerdings haben wir ihn nie wieder gesehen und es dauerte weitere Tage und brauchte erneute Anrufe, bis ein anderer Techniker kam. Heute kann ich darüber lachen, damals eher nicht.

 

#5 Neuanfang & Bremsklötze

Ich versuchte viel. Zu wirklichem Erfolg schaffte ich es nicht, denn die aktuelle Krise kam dazwischen. Ein weiterer Rückschlag! Aber ich wollte nicht in dieser Opferrolle verharren. Ich brauchte einen Moment und hielt erst mal inne. Dann schaute ich noch mal ganz neu auf mein Thema, verschaffte mir Klarheit, traf Entscheidungen und überlegte, was ich wirklich wollte. Ich machte endlich meine langersehnte Weiterbildung zum Online-Coach. Ich fing intensiv an, mich mit Marketing zu beschäftigen, grenzte mein Thema weiter ein und überlegte mir meine Lieblingskunden. Ich richtete mich also noch mal neu aus, mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende freut sich auf die Eingrenzung. Das weinende bedauert die Abgrenzung. Aber auf einmal fühlte es sich rund an. Zumindest fast…

„Denn irgendwas hielt mich noch zurück.“

Dann machte ich selbst ein Coaching und es kam für mich heraus, dass ich eigentlich immer mit angezogener Handbremse unterwegs war. Warum? Wegen meiner tief verwurzelten Glaubenssätze. Oh, wie viele Jahre glaubte ich, dass alle anderen es besser könnten. Wie viele Jahre war ich überzeugt davon, dass es mich nun nicht auch noch braucht auf diesem überfüllten Coaching-Markt da draußen. Der Irrsinn war zum einen, dass es genau mein Business ist und zum anderen, dass ich mich trotzdem die ganze Zeit wahnsinnig angestrengt hatte etwas zu erreichen. Meine inneren Antreiber ruderten voller Kraft in die eine Richtung, aber was mir nicht bewusst war: meine inneren Widerstände ruderten in die andere. Sobald ich mal kurz innehielt, trieb ich wieder zurück! Die Zweifel wurden laut. Das war so anstrengend. Daher war es befreiend, endlich auch mal in mich reinzuschauen.

Meine Learnings:

  • Es braucht Klarheit: Es ist egal, ob im Ausland oder in Deutschland… Wenn ich mich selbstständig machen will, brauche ich eine vernünftige Vision, ich brauche klare Ziele und einen Plan, wie ich diese umsetzen möchte. Man sollte sich auch ganz sicher sein, den Weg mit allen Höhen und Tiefen gehen zu wollen und alles ganz genau durchdacht haben. Was ist mein Warum hinter dem, was ich tue? Was genau ist für mich erreicht, wenn ich es angehe? Was ist dann anders? Wie fühle ich mich? Wie lebe ich dann? Wie genau sieht mein Tag dann aus? Dann bekomme ich zum einen eine Vorstellung davon, wie es sein wird, und zum anderen ist das Durchhalten in nicht so rosigen Zeiten leichter, wenn ich weiß, warum ich es eigentlich mache.
  • Glaubenssätze auflösen: Man sollte an seinen Glaubenssätzen arbeiten (nicht nur dran denken, sondern daran arbeiten), denn wenn ich diese nicht auflöse, dann sind da immer diese Bremsklötze, die mich davon abhalten, mein volles Potenzial zu entfalten. Und da findet bestimmt jeder so einige bei sich. Neben den oben genannten Überzeugungen hatte ich anfangs auch immer diese Hintertür im Kopf: wenn es nicht klappt, gar nicht schlimm, dann mache ich eben was anderes! Ich wollte mich schon vorab vor dem Frust schützen, da ich ja insgeheim der Meinung war, dass es sowieso nicht funktionieren würde. Das ließ mich aber gar nicht richtig loslegen. Heute gibt es diese Hintertür nicht mehr, denn ich kenne meine Richtung.

 

#6 Alles hat sein Gutes

Heute bin ich voller Elan und ohne angezogene Handbremse unterwegs, traue mich aus meiner Komfortzone, treffe mutige Entscheidungen. Da, wo ich zunächst eine Sackgasse gesehen habe, durch die Tatsache, dass ich in Spanien lebe, hat sich durch die zunehmende Digitalisierung eine wunderbare Chance eröffnet. Natürlich ist online die Zukunft. Und natürlich ist Online-Coaching ebenfalls hoch effektiv. Es braucht nur ein erweitertes Know-how, beispielsweise aufgrund der Kanalreduktion auf den Sinn hören. Es braucht erweiterte Medien-, Technik- und Kommunikationskompetenzen sowie einen starken Fokus auf die Gestaltung der Beziehung zum Coachee.

Und auf einmal ist alles viel leichter, weil ich es leichter sehe. Meine Einstellung hat sich verändert.

Daher liebe ich heute das Motto von Buddha:

„Was du denkst, das bist du. Was du bist, strahlst du aus. Was du ausstrahlst, ziehst du an.“

Vorher gab es für mich kaum die Möglichkeit, mich online vernünftig weiterzubilden. Mittlerweile gibt es etliche Angebote. Mir fehlten hier Kollegen, mit denen ich mich austauschen konnte. Das klappt nun online durch Gruppen wunderbar.

Alles fügt sich und neue Türen öffnen sich, wenn man nur nach ihnen Ausschau hält.

Dies ist ein Gastbeitrag von Anja Schneider Business und Online-Coach sowie Expertin für das Thema Jobzufriedenheit und berufliche Neuorientierung. Du findest Anja hier. 

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